Sonntag, 21. September 2014

Nasse Füße für Oskar Sima

Bernhardsthal - Rabensburg - Hohenau an der March - Waltersdorf - Drösing
20.09.2014 / per velo /  24,5 km / 104 Meter Aufstieg

Oskar Sima liegt nicht am Kasperlfriedhof draußen, sondern in Hohenau an der March. Er wurde schon in einem Nachruf aus dem Jahre 1969 als "Schauspieler der alten Garde" bezeichnet; unvergessen ist der König der Nebendarsteller als Zirkusdirektor in "Grün ist die Heide" aus 1951, als Feldwebel Pieringer in "Kaisermanöver" (1954) oder in der Fledermaus in der Fassung der Sasa-Film (1957). Brauchten die großen Regisseure des österreichischen Nachkriegsfilms einen geldgierigen Bürgermeister, einen verschlagenen Bauern, einen tollpatschigen Taschendieb oder einen tückischen Biedermann, Sima stand zur Verfügung. Grund genug, ihm in seinem Heimatort Hohenau ein Denkmal zu setzen.

Hohenau liegt. so wie Deutsch Wagram, Gänserndorf oder Angern an der Nordbahn, die Wien mit Mähren verbindet. Ist man gut disponiert verlässt man den Zug aber nicht gleich am Bahnhof Hohenau, sondern fährt weiter, an die Grenze nach Bernhardsthal, um dort mit dem Rad wieder zurück in Richtung Wien zu fahren.
Wenn das die SteirerInnen wüssten.

Kühl lächelnde Lokführer

Meine Begleitung, Herr H., der an diesem Tage sich noch mit Pioniergeist und Wagemut auszeichnen sollte, und ich wollen Wien vom Bahnhof Floridsdorf aus verlassen. Dort wird uns der Beginn des Ausfluges gleich erschwert. Wir sind rechtzeitig am Bahnsteig und  eilen zu dem mit dem Rad-Piktogramm gekennzeichneten Wagon gleich hinter der Lokomotive. Wir wollen die Tür öffnen - die bleibt jedoch verschlossen, der Lokführer beobachtet uns kühl lächelnd durch den Rückspiegel seines Triebwagens und gibt Dampf. Die Stunde Wartezeit auf den nachfolgenden Zug  vergeht wie im Fluge.

Bernhardsthal ist das Voralberg des Nordostens, also der dortige Zipfel Österreichs. Seine größte Attraktion ist das Lagerhaus der Raiffeisen Genossenschaft und der Bernhardsthaler Teich, der stolz von sich behaupten kann, die größte Wasserfläche des Weinviertels zu sein. Der Teich lässt uns allerdings kalt und wir radeln Richtung Süden, hier noch der Thaya entlang. Ebenso wie später die March kommt uns aber nicht zu Gesicht. Ein andermal.

Autochthone Kuruzzenrollen

In Rabensburg machen wir Im Gasthaus Horak Rast. Ich bin ja immer auf der Suche nach autochthonen Speiseangeboten und der Kuruzzenrolle des Herrn Horak kann ich nicht widerstehen, einem mit Speck umwickelten Schweinsschnitzel, gefüllt mit Zwiebel, grünem Paprika, Käse und Speck, nachhaltig papriziert und lieblich auf einem Berg von leicht angerösteten Zwiebeln thronend. Reichlich, geschmackig, schwer.
Nicht allzuviele Rabensburger dürften Samstag mittags Essen gehen, es sind nur einige Tische besetzt. Beeindruckt bin ich von einem an der Schank lehnenden Gast, von einem sonnengegerbten Herrn Anfang 60, der nichts von Hemdknöpfen hält und dessen grau meliertes Brusthaar sichtbar und reichlich zwischen Nabel und Kinn wuchert. Andere haben ein Katzenfell. Am Nebentisch erzählt ein Herr (wiederholt) von der (gleichen) Mühe des Tages und bevor wir tiefer ins Gespräch kommen sind wir auch schon weg.

Simas Museum

In seinem Geburtshaus haben engagierte Hohenauer dem Volksschauspieler Sima ein Museum eingerichtet.  Sima war Zeit seines Lebens dem Ort verbunden, hatte hier seinen Wohnsitz, eine Landwirtschaft und war Weinbauer. Seine Geschäfte hier führte er mittels eines Verwalters und barscher Korrespondenz  ("..dass sie mir die neuen Felder recht schön anbauen! Mit zwei neuen Fuhrwerken muss das ja ein Kinderspiel sein.."). Neben der augenscheinlichen Tatsache, dass Sima gerne Kuruzzenrollen aß, dürfte er ein gastlicher Mensch gewesen sein, ein ganz ein Gemütlicher halt, der mit seinen KollegInnen vom Film, mit dem Hörbiger oder der Andergast, im Wirtshaus des Ortes Karten spielte. Und: Seine Schwäche für den Trabrennsport endete in einem offensichtlich erfolgreichen Leben als Rennstallbesitzer und Züchter. Noch heute soll man auf der Krieauer Trabrennbahn gerne Sima zitieren: "Bluat is ka Blunznsuppn" (Vermehren ist nicht gleich Züchten). Dass er ein Nazi der ersten Stunde war, das findet in seinem Museum im Übrigen keine Erwähnung.

Im Keller wird allerlei altes Werkzeug und Hausrat ausgestellt, etwa die Mutter aller Nudelsiebe: "Seiher vor 1900 war in der aus dem Nachlaß der Witwe nach Laurenz Novy in der Gewandtruhe". Ansonsten widmet sich das Museum der Eisenbahn, den Hallstadtgräbern, die entlang der Thaya zu finden sind, der Geschichte des Ortes, alten Kaffeemaschinen und der aufgelassenen Zuckerfabrik. Die wurde im vorletzen Jahrhundert von der Industriellenfamilie Strakosch gegründet und war - nach zwischenzeitlicher Arisierung und Rückgabe - bis 2003 in Familienbesitz, um dann von der Agrana gekauft und stillgelegt zu werden. Das Museum erinnert daran, dass man Rüben nicht "erntet" sondern quasi "kampagnisiert". Während der letzten Zuckerrübenkampagne 2005, die wie üblich 100 Tage gedauert hatte, wurden 13.600 t Rüben pro Tag verarbeitet - hier produzierte man immerhin ein Drittel des österreichischen Zuckers.
Heute, fast 10 Jahre nach der Schließung, prägt die Fabrik noch immer das Ortsbild. Gleich im "Zentrum" von Hohenau steht ein hohes, völlig baufälliges Gebäude, der Gehsteig ist zum Teil wegen herabstürzender Gebäudeteile gesperrt; gleich daneben ist eine "Industriebrache", auf der noch alte Fahrzeuge parken - und Weihnachtsmarkthütten. Wenn man sich also fragt, was der Wiener Christkindlmarkt außerhalb der Saison macht - er ist auf Sommerfrische in Hohenau.
Doch die Fabrik hat auch Gutes hinterlassen. Die Klärbecken der Zuckerfabrik Hohenau sind heute einer der wichtigsten Zugvögelrastplätze Ostösterreichs. (Waren sie im übrigen auch noch zu Zeiten, als die Fabrik in Betrieb war.) Heute gibt es in den March Thaya Auen ja mehrere Vogelbeobachtungsplätze, und so auch hier, von denen aus man die diversen Bartgeier und Mauersegler (oder welcher Art auch immer die hiesigen Regenpfeiferartigen angehören mögen) gut sehen kann.

Furten!

Während die Ortschaften hier von enden wollender Lieblichkeit sind - Straßendörfer im engsten Sinne, ebenerdige Häuser in kräftigen Pastellfarben,  zusammengeräumte, aber strukturlose Siedlungen, denen jeder Zwischenraum gänzlich fehlt  - ist die Landschaft durchaus ansehnlich. Einerseits die Kulturlandschaft - der Kürbis hat die Zuckerrübe hier in seiner Bedeutung abgelöst - andererseits der nicht weit entfernte Auwald und die dem Vogel gewidmeten Rückzugsflächen.
Radeln macht hier Spaß. Kaum bis gar keine Autos auf der Landstraße, kein Gegenverkehr auf den Fahrradwegen. Kein RadfahrerInnen-Staus wie am Neusiedlersee, eine recht friedliche Umgebung. Wer Stille und Geruhsamkeit sucht findet sie hier, eine Schnellbahnstunde von Wien entfernt. Die Wege sind schlaglochlos und für ungeübte RadausflüglerInnen bestens geeignet. Wirklich. Fast überall. Einige Kilometer nach Hohenau müssen wir die Nordbahn queren, die österreichische Bundesbahnen haben hierfür eine Unterführung zur Verfügung gestellt, der Weg biegt mit einer scharfen Kurve hier ein. Was für eine Latsche! Kollege H. kennt hier keine Rücksicht oder Gnade, er tritt mutig in die Pedale - wer absteigt verliert - und ehe er sich's versieht reicht ihm das Latschenwasser bis zu den Waden. Ich, hingegen warte ab, kann die Erfahrungen meines unerschrockenen Scouts nutzen und komme zwar mit weniger Würde, aber mit trockenen Schuhen an. Naß und frohgemut geht es weiter Richtung Drösing. Von hier aus ließe sich der Weg noch beliebig fortsetzen, denn noch einige versteckte Perlen sind entlang der Nordbahn aufgefädelt. Später einmal.

Kontemplative Scheune. (C) Herr H.




Gott sei Dank nicht krokodilverseucht und piranhafrei